Im nebenstehenden »Versuch zu einem geschichtlichen Ueberblick« wird von Gustav Henkel in der dritten Person gesprochen. Es wird aber deutlich, daß er ihn zumindest in wesentlichen Teilen selbst verfaßt hat.

Der Text entstammt einem Durchschlag, wohl von 1914, abgeheftet in einer Mappe der Henkelschen E-Werke, aus der Sammlung von Yannick Philipp Schwarz, dem an dieser Stelle gedankt sei. Die Orthographie der Vorlage wurde beibehalten. Die Marginalien des Originals sind hier den jeweiligen Absätzen in fetter Schrift vorangestellt. Kommentare stehen in eckigen Klammern.

Eine stark gekürzte Version des Textes wurde abgedruckt in: H. Köhler, Henkels Elektrizitätswerke, 1914.

Zu den erwähnten Summen: In der Zeitspanne, die der Bericht umfaßt, veränderte sich der Wert des Geldes kaum. Ein Fahrrad war 1912 im Katalog von August Stukenbrok, Einbeck, von 35 Mark an aufwärts zu haben, ein Pullover oder eine Taschenuhr ab 2 Mark, ein Rasiermesser ab 1 Mark. Man kann die damaligen Preise etwa verzehnfachen, um auf heutige Euro-Werte zu kommen. Bei jeder Umrechnung muß bedacht werden, daß das Lohngefälle größer war als heute, sodaß ein Fahrrad für den Arbeiter schwer zu erschwingen war, für den Villenbesitzer aber keine bedeutende Ausgabe darstellte. Durch dieses Lohngefälle konnte sich ja auch damals jeder bürgerliche Haushalt, ganz zu schweigen von Mulang-Villen-Haushalten, Angestellte leisten.


Gustav Henkel.
Bild aus G.A.Stör, »Die Herkulesbahn in Kassel«.

Siehe auch das Kapitel »Die Herkulesbahn« auf dieser Website.


Werbekarte, ca. 1910.
*6


(Wenn Sie auf eines der nachstehenden Bilder klicken, öffnet sich ein Fenster mit einem größeren Bild.)


Ca. 1900: Das Henkelsche E-Werk von Südwesten. Links das Verwaltungs-Gebäude, angebaut Palmenbad und Gewächshaus. Links hinter dem Verwaltungs-Gebäude verläuft die Hunrodstraße, parallel zum Gewächshaus rechts die heutige Kurhausstraße.
*2


Ca.1900: Das E-Werk von der Hunrodstraße aus (von Osten). Beim Klicken auf das Bild öffnet sich ein Fenster mit dem ganzen HNA-»Blick zurück« Nr.1408.


Im Gewächshaus des Palmenbads. Postkarte von ca.1900.
*1


Um 1900: Männerbadezeit im Hallenbad. Bei der Treppen sind die »mächtigen Delphine« zu bestaunen.
*4


Ca.1910: Blick über die Einmündung der Brabanter Straße nach Osten in die vorne quer verlaufende Fürstenstraße, die heutige Hugo-Preuß-Straße. Hinten rechts sieht man den Schornstein des Henkelschen E-Werks und das Palmenbad.
*1


Um 1910: Ein Wagen der Herkulesbahn in der Kurhausstraße, kurz nach dem Verlassen der Endhaltestelle Palmenbad. Links sieht man das Verwaltungshaus des E-Werks.
*3


Nr.7, die Villa Henkel, um 1900.
*5


Nr.7, 1913: Innenraum.
*5


Nr.7, 1913: Salon.
*5


Nr.7, 1913: Speisesaal.
*5

Versuch
zu einem geschichtlichen Ueberblick
über die Entwicklung von
Henkels-Elektrizitätswerken
zu Cassel-Wilhelmshöhe
1892-1914.


  Vorgeschichte. Am Aufblühen der Villencolonie Wilhelmshöhe sind ganz besonders zwei öffentliche Einrichtungen von hervorragendem Einfluss gewesen: Die Anlagen der Ent- und Bewässerungs-Genossenschaft und die Errichtung von Henkels Elektrizitätswerken.
Bildeten erstere eine sanitäre Notwendigkeit für die Anwohner, so wurde durch die Versorgung der Villencolonie mit elektrischem Licht erst eine wirkliche Behaglichkeit geschaffen, die das Wohnen in dem neu entstandenen Vororte von mancher tief empfundenen Unzuträglichkeit befreite. Vor allem wurde die öffentliche Sicherheit durch die Anlage einer elektrischen Strassenbeleuchtung ausserordentlich gefördert.

  Frühere Strassenbeleuchtung durch Petroleum-Lampen. Es waren vorher nur eine geringe Anzahl Petroleumlampen an den Strassenecken etc. vorhanden, deren Bedienung und Instandhaltung aber für die Gemeinde Wahlershausen, welcher die Villencolonie Wilhelmshöhe bis zu der im Jahre 1906 erfolgten Eingemeindung zu Cassel politisch gehörte, eine grosse Last bedeutete, weshalb denn auch die Beleuchtung im Dorfe Wahlershausen selbst, wie vor allem aber in den sehr verzweigten Strassenzügen der Villencolonie, immer viel zu wünschen übrig liess.
  Diese Uebelstände der öffentlichen Beleuchtung wie die Lösung der Lichtfrage für den Privatgebrauch liessen in dem derzeitigen Mitinhaber der Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft vorm. Beck & Henkel in Cassel, Herrn Direktor Gustav Henkel, welcher im Jahre 1891 seinen Wohnsitz nach hier verlegt hatte, den Entschluss reifen, ein Elektrizitätswerk mittleren Umfangs zu errichten.
  Es fand dieses Vorhaben sowohl beim Gemeinderat und dem Bürgermeister Wimmer, wie bei allen auf den Fremdenzuzug gerichteten Verkehrsbestrebungen lebhafteste Unterstützung, so namentlich beim Kur- und Verschönerungsverein und der Genossenschaft zu Wilhelmshöhe, deren Vorsitzender, Stadtrat
[Julius] Siebert, allen an der Genossenschaft Beteiligten durch Rundschreiben den Anschluss zur Stromentnahme dringend empfahl.
  Vertrag über elektrische Strassenbeleuchtung. Mit der Gemeinde Wahlershausen wurde ein zunächst auf 10 Jahre lautender Vertrag abgeschlossen, wonach sich Henkel verpflichtete die Anlage der elektrischen Strassenbeleuchtung von zunächst 88 auf das Gesamtstrassennetz verteilter Glühlampen auf eigene Kosten auszuführen und damit die öffentliche Beleuchtung in der vorgeschriebenen täglichen Zeitdauer zu bewirken. Für die Beleuchtung sowie für das Auswechseln der Glühlampen und die sonstige Unterhaltung der Strassenlampen wurde ein Pauschalbetrag von M. 250.- für den Monat vereinbart. Für jede weitere Glühlampe, welche auf Anordnung des Gemeinderates anzulegen war, wurde ein Monatsbetrag von M. 3.- zu Grunde gelegt
[siehe die seitlichen Anmerkungen zu diesen Summen].
  Ferner erhielt Henkel in Anbetracht des für das Verteilungsnetz erwachsenden hohen Kostenaufwandes die Genehmigung die öffentlichen Strassen und Plätze in der Gemeinde Wahlershausen für die zur öffentlichen und privaten Stromversorgung dienenden Leitungen auf alle Zeiten unentgeltlich zu benutzen.

  Erste Privatanschlussnehmer. Da des weiteren die Kuranstalten Dr. Wiederhold [Fürsten-Straße: Hugo-Preuß-Straße 2, nicht erhalten] und Dr. Greveler [Wigandstraße 1-3, erhalten], die Verwaltung des Pensionshauses [Wigandstraße 5, nicht erhalten], Café Mulang [Löwenburgstraße 1, nicht erhalten] sowie die Besitzer der besseren Villen [es war offenbar umgekehrt: für das Prädikat »besser« war in Henkels Augen ein Elektroanschluß die Bedingung], u. a. Regierungsbaumeister Schwartzkopff [Regierungsbaumeister Georg S., Parkstraße 149 1/2, Villa Clara: Schloßteichstraße 10, nicht erhalten], Leutnant Brauer [Johann Albrecht B., Privatmann, Park-Straße 133 3/4: Schloßteichstraße 1, erhalten], Schmidtmann [Heinrich S., Architekt, Kronprinzenstraße 134 1/8: Burgfeldstraße 8, erhalten], Lingelbach [Carl L., Rittergutsbesitzer, † um 1898, und Eva L., geb. Baronesse Goltz, Park-Straße 147 3/4 (?), ausgez. o. † vor 1904], Knauff [Jean K., Landschafts- bzw. Kunstgärtner, Wiegand-Straße 133 1/4, † vor 1904, Anna K., Witwe: Wigandstraße 2, erhalten], Stadtrat Siebert [Julius S., Siebertweg 1, nicht erhalten] u. a. m. sich zur Einführung des elektrischen Lichtes verpflichteten, so war hierdurch ein, wenn auch noch recht kleiner, so aber doch sicherer Abnehmerkreis für elektrischen Strom geschaffen.
  Eröffnung 1. Mai 1893. Nachdem von den zuständigen Behörden die erforderlichen Genehmigungen zur Errichtung der Stromzentale sowie zur Legung des Verteilungsnetzes, für welch’ letzteres im Hinblick auf die aussergewöhnlich grosse Verzweigung nur oberirdische Kabelführung in Frage kommen konnte, eingeholt waren, wurde mit den Ausführungsarbeiten im Herbst des Jahres 1892 begonnen und diese so gefördert, dass die Gesamtanlage am 1. Mai 1893 der öffentlichen Benutzung übergeben werden konnte.
  Strompreis. Grundgebühr. Der Strompreis war im allgemeinen auf 70 Pfg., für Grossconsumenten mit über 50 angeschlossenen Lampen auf 60 Pfg. für die Kilowattstunde festgesetzt. Ausserdem wurde eine Gebühr für Bereithaltung des Stromes und für kostenlosen Ersatz ausgebrannter Glühlampen von M. 5.- für jede angeschlossene Lampe und Jahr erhoben. Da der Preis einer Kohlenfadenlampe damals noch 3-5 M. betrug und zur Aufspeicherung des Stromes eine grössere, bedeutende Unterhaltungskosten erfordernde Akkumulatorenbatterie aufgestellt war, so dürfte es einleuchten, dass von einem eigentlichen Gewinn aus diesem Tarifmodus keine Rede sein konnte. Bei Garantie einer bestimmten Anzahl Brennstunden pro Lampe und Jahr kam zudem diese Grundgebühr in Fortfall; übrigens wurde solche im Jahre 1894 auf M. 3.- und 1895 auf M. 2.- pro Lampe und Jahr ermässigt, da auch die Glühlampen inzwischen entsprechend billiger geworden waren. Bemerkt sei hierbei, dass der Strompreis beim Casseler Elektrizitätswerk damals 80 Pfg. für die Kilowattstunde betrug.
  Maschinen. Bei Eröffnung des Werkes waren im Ganzen einschl. der Strassenbeleuchtung rd. 800 Glühlampen angeschlossen. Im Maschinenhause des Werkes hatten zwei liegende 40 PS zweizylindrige Dampfmaschinen der Maschinenfabrik W. Schmidt & Co. in Aschersleben bezw. der Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft vorm. Beck und Henkel, in Cassel Aufstellung gefunden, welche von zwei stehenden Röhrenkesseln mit Dampf versorgt wurden.
  Ueberhitzung. Als ein Moment besonderen Weitblicks möge hervorgehoben werden, dass schon im ersten Jahre die damals im Maschinenbau noch fast vollständig unbekannte Verwendung hochüberhitzten Dampfes nach de System des Baurats Dr. ing. W.
[ilhelm] Schmidt [siehe »Persönlichkeiten«], welchen ein enges Freundschaftsverhältnis mit Direktor Henkel uns seiner Familie verbindet, hier eingeführt wurde. von der im ersten Jahre angewandten Kohlenstaubfeuerung wurde bald wieder Abstand genommen. Die Ueberhitzungseinrichtungen erfuhren jedoch entsprechend den epochenmachenden Fortschritten auf diesem Gebiete fast in jedem Jahre Erweiterungen, sodass solche als mustergiltig zu bezeichnen sind.
  Braunkohlenfeuerung. Als Feuerung fand die Braunkohle des Habichtswaldes und zwar durchweg in Gestalt von Grus, wofür die Feuerungsroste entsprechend construiert wurden, Verwendung. Der Preis dieser Kohle betrug damals 13 Pfg. pro Hektoliter.
  Erste Dynamos. An Dynamomaschinen waren zunächst 2 Maschinen der Firma Schwartzkopff in Berlin mit je rd. 20 KW Leistung aufgestellt, zu welchem nach kurzer Zeit 2 St. A.E.G. Dynamos der Type G. 200 hinzukamen. Die ganze elektromaschinelle Einrichtung sowie die Lieferung und Herstellung des Leitungsnetzes wurde von der Berliner Elektrischen Beleuchtungs-Aktien-Gesellschaft bewirkt.
  Unterstation. Um die Spannung in dem etwas entfernt von der Zentrale gelegenen Dorfe Wahlershausen ununterbrochen in der erforderlichen Höhe halten zu können, war ursprünglich im Hinterhause der früheren Wimmer’schen Wirtschaft
[Wilhelmshöher Allee 284, siehe »Wilhelmshöhe und Umgebung«] eine Accumulatoren-Unterstation angebracht, deren Aufladung von der Zentrale aus erfolgte und von welcher die Spannung je nach der auftretenden Belastung selbsttätig reguliert wurde. Durch die Legung stärkerer Speisekabel wurde diese Unterstation später überflüssig und dann entfernt.
  Palmenbad. Um die mit dem Auspuffdampf aus den Maschinen noch abgehende Wärme möglichst weitgehend zu verwerten wurde dem Elektrizitätswerk die Anlage des Hallenschwimmbades »Palmenbad« angegliedert
[Siehe »Bad Wilhelmshöhe« / »Palmenbad«]. Dieses besteht aus einem 100 qm großen - neben einem ca. 10 m hohen, 20 m langen und 10 m breiten hohen mit Tuffsteingrotten, Springbrunnen, farbigen Jlluminationlampen etc. lukrativ [sic] ausgestatteten Palmenhause - eingebauten Schwimmbassin, welches Abteilungen für Schwimmer und Nichtschwimmer enthält, dessen Wasser durch ständigen Zulauf fortwährend erneuert und durch den Abdampf erwärmt wird.
  Ausser dem Palmenhaus sind noch zwei 40 bezw. 20 m lange Culturhäuser und ein 40 m langes und 6 1/4 m breites Wein- und Rosenhaus, deren Erwärmung ebenfalls mittelst Abdampf erfolgt, vorhanden.
  Benützung des Palmenbades. Gebrauchsfähig war das Palmenbad bereits 1894, aus mehrfachen Gründen erfolgte die offizielle Eröffnung für die allgemeine Benutzung erst im Sommer 1896. Besonders regen Zuspruch hat das Palmenbad bei den Pensionaten und den hiesigen Schwimmvereinen, welche regelmässig zu vorher festgelegten Zeiten das Bad benutzen, von Anfang an erfreut. Die früher von einem Gardisten der Königlichen Schlosswache erteilten Lehrkurse im Schwimmen waren ausserordentlich beliebt. Leider mussten diese infolge Versetzung des Beamten eingestellt werden. Die Mannschaften der III. Reitenden Batterie des Hessischen Artillerie Regimenes No. 11, welche im Königlichen Marstallgebäude zu Wilhelmshöhe einquartiert waren, brauchten bis zu ihrem im Jahre 1903 erfolgten Fortzuge von hier, regelmässig einmal in der Woche (meistens Sonnabends) das Palmenbad, worauf dann stets eine vollständige Erneuerung des Wassers und gründliche Reinigung des Bassins stattfand.
  Bade-Rückfahr-Karten. Um die Benutzung des Palmenbades den Bewohnern Cassels nach Möglichkeit zu erleichtern, war mit der Direktion der früheren Dampfbahn ein Abkommen dahingehend getroffen, dass von den Schaffnern Rückfahrkarten Königsplatz - Wilhelmshöhe zum Preise von 70 Pfg. verausgabt wurden, welche den Inhaber zur einmaligen Benutzung des Palmenbades berechtigten. Dem Palmenbade fielen hiervon für jede verkaufte Rückfahrkarte 35 Pfg. zu. Diese Einrichtung fand allgemeinen Beifall, wurde jedoch nach Uebernahme der Dampfbahn seitens der Grossen Casseler Strassenbahn von dieser nach kurzer Zeit wieder aufgehoben.
  Erste Geschäftsanschlüsse. Durch intensive Agitation wurde bald die Mehrzahl der Villenbesitzer für den Anschluss an das Stromnetz gewonnen, und auch im Dorfe Wahlershausen fand die elektrische Beleuchtung bald eingang, namentlich in den Wirtschaften, Bäckereien, Schlachtereien und Verkaufsläden. Im August 1894 wurde Gossmann’s Naturheilanstalt
[in der heutigen Druseltalstraße am Rande des Habichtswaldes, 1972 abgerissen zur Erbauung der dreitürmigen Seniorenwohnanlage] mit über 300 Glüh- und 16 Bogenlampen sowie einem 2 PS Elektromotor für Wäschereizwecke und 2 Ventilatoren angeschlossen. Im Frühjahr 1895 kam Villa Mummy mit rd. 185 Glühlampen hinzu [Das Grundstück umfaßte fast den ganzen Block zwischen Kurhausstraße, Schloßeichstraße, Lindenstraße und Brabanter Straße. Die Villa Mummy, später Villa Piepmeyer, Kurhausstraße 15, wurde 1935 zum Kurhaus und 1972 abgerissen]. Deren Anschluss und die an der Villa vorbeiführenden Hauptleitungen des Netzes wurden auf Veranlassung des Besitzers der Villa Mummy in unterirdische Kabel verlegt. Ebenso erhielt die im Jahre 1896 angeschlossene Villa Eckert unterirdischen Anschluss [Eugen E., Privatier, Landgrafenstraße 145 1/2: Steinhöferstraße 7, erhalten]. Leider war die Instandhaltung der Erdkabel mit unerträglichen Schwierigkeiten verbunden, sodass umfangreiche und kostspielige Aenderungen mit denselben vorgenommen werden mussten.
  Anschluss der Dampfstrassenbahn. Im Jahre 1896 wurde der erste Elektromotor für gewerbliche Zwecke mit einer Leistung von 4 PS angeschlossen. Dieser fand Aufstellung in der Betrieb-Werkstätte der Dampfstrassenbahn gegen eine feste tägliche Gebühr von M. 5.- für Stromverbrauch und Motormiete. Da sich der Motor hier ausserordentlich gut bewährte kamen in kurzer Zeit weitere Motoranlagen hinzu, so Schreiner Kumpe, Schmied Bischoff etc. - Der Betriebsbahnhof und die Endstation der Dampfbahn [siehe »Wilhelmshöhe und Umgebung« / »Endhaltestelle der Linie 1«] wurden schon gleich nach Eröffnung des Werkes mittelst Bogenlampen von je 3 Amp. gegen eine Pauschalgebühr von 56 Pf. pro Stunde beleuchtet.
  Sturmnacht 1895. In der Nacht vom Sonntag, den 14., auf Montag, den 15. Juli 1895, wurde ganz Mittel- und Norddeutschland von einem verheerenden Orkan heimgesucht, welcher überall furchtbare Verwüstungen anrichtete. So wurden hier u. a. eine grosse Anzahl der in der Wilhelmshöher Allee stehenden grossen, u. z. T. etwas abständigen, Lindenbäume umgerissen und dadurch sämtliche in der Wilhelmshöher Allee befindlichen Speise- und Vertilungsleitungen zerschlagen, sodass sich eine gänzliche Neuverlegung erforderlich machte. Die früher hier vorhandenen zahlreichen schwachen Einzelleitungen wurden bei dieser Arbeit in vereinfachter Weise zu wenigen starken Hauptleitungen zusammengelegt, wordurch die ganze Anordnung des Netzes wesentlich vereinfacht wurde.
  Maschinenerweiterung. Im Jahre 1895 wurde die eine 40 PS Zwillingsmaschine in eine 80 PS Maschine umgebaut und die andere Maschine an eine Casseler Ziegelei verkauft. Auf den hierdurch gewonnen Platz fand dann eine stehende, von der Maschinenbau Aktien-Gesellschaft vorm. Beck und Henkel in Cassel gelieferte, 150 PS Heiss-Dampfmaschine Aufstellung.
  Erweiterungen der Kesselanlagen. Da die stehenden Schlangenröhrenkessel den für die erweiterte Maschinenanlage und die erhöhte Beanspruchung des ganzen Werkes erforderlichen Dampf nicht mehr zu liefern vermochten, wurde im Jahre 1898 ein von der Firma W. Schmidt und Co. in Aschersleben
[der Firma Wilhelm Schmidts, siehe »Persönlichkeiten«] angefertigter liegender besteigbarer Rauchröhrenkessel mit einer wasserbespülten Heizfläche von 111 qm eingebaut, welchem im Jahre 1901 ein zweiter, von der Dampfkessel Fabrik vormal Arthur Radberg in Darmstadt gelieferter gleicher Kessel mit 134 qm wasserbespülter Heizfläche folgte.
  30 PS Turbine. Um zu den Zeiten der stärksten Beanspruchung noch eine Maschinenreserve zu haben, der verfügbare Raum indessen äusserst knapp bemessen war, liess Henkel im Jahre 1898 eine 30 PS de Laval’sche Dampfturbine aus den Humboldwerken i/Kalk bei Köln aufstellen.

  [Der untere Teil des Typoskriptblattes und der obere Teil des folgenden fehlen, stattdessen ist ein handschriftlicherZettel eingeheftet: »Brand im Schweizerhaus wurde von unbekannt herausgeschnitten«. Das Schweizerhaus war die Villa Schmidt im heutigen Anthoniweg, die um 1901 zum Gebäudekomplex der Wiederholdschen Anstalt gehörte. Siehe »Kurort Wilhelmshöhe« / »Reichel / Wiederhold / Rohrbach«. Das Fehlen des Ausschnittes deutet vielleicht auf einen elektrischen Kurzschluß als Brandursache? Dieses älteste Haus der Villenkolonie wurde wieder aufgebaut, erlitt aber im März 1945 Schäden, die zum Abriß führten.]
  Zeche Marie. Die immer mehr gesteigerte Nachfrage nach Braunkohlen veranlasste die Gewerkschaft Schombardt im Frühjahr 1898 in der Grube Marie eine Kohlenförderung und Wasserhaltungseinrichtung mit elektrischem Anschluss zu beschaffen. Die Lieferung der gesamten Anlage wurde Henkels Elektrizitätswerken übertragen. U. a. wurde in der Grube, welche Stolleneingang hat, ein Bremsberg mit doppelseitigem Aufzug sowie mehrere Pumpeneinrichtungen, angetrieben mittelst 3 1/2 PS Elektromotore, und eine ebenfalls elektrisch betätigte Ventilationsanlage aufgestellt. Für die Zuleitung musste eine besondere ca. 4000 m lange 28 qm/m starke Kupferleitung gezogen werden, davon 1000 m durch einen Wald führend, mit wetterbeständiger Jsolation versehen. Das Arbeiten in der Grube war mit ganz besonderen Schwierigkeiten und zeitweise sogar mit Lebensgefahr für unsere Monteure verbunden, indem häufig und vollständig unvorhergesehen grössere Wasserdurchbrüche entstanden, wodurch in kurzer Zeit lange Strecken unter Wasser gesetzt wurden, ohne dass es immer gelang die Maschinen früh genug in Sicherheit zu bringen. Unsere Monteure mussten oftmals ganze Nächte hindurch - selbst halb im Wasser stehend - arbeiten, um nur den Betrieb der Grube zu retten.
  Da das Wasser eine Menge feinen Sandes mit sich führte, bereitete der Betrieb der zuerst aufgestellten Rotationspumpe durch die ausserordentliche Abnutzung der Flügel auf die Dauer unerträgliche Schwierigkeiten, weshalb später mehrere Kolbenpumpen angeschafft wurden. Im ganzen waren nach Vollendung der Anlagen 4 Elektromotore mit zus. 11 PS angeschlossen.

  Zeche Friedrich Wilhelm II.

[Hier hatte ich erstmal keine Lust mehr zum Abtippen. Wenn jemand das bedauert, bitte melden.]

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Dank an
Yannick Philipp Schwarz


Nachweise
*1 Sammlung Feyll/Forssman

*2 Stadtmuseum Kassel
*3 Archiv Yannick Philipp Schwarz, Kassel
*4 Vera Bachmann: Kasseler Badelust. Begleitbuch zur Ausstellung im Stadtmuseum Kassel, Kassel 1995
*5 Familienarchiv Djukic
*6 Sammlung H.-W. Hess, Kassel